Wer entscheidet hier eigentlich? KLUGentscheiden! bei „Generation A“ in Bayreuth
Ein Jugendlicher will das kommende Wochenende mit seinen Freunden durchzocken. Seine Noten waren im letzten Jahr nicht die besten, und am darauffolgenden Montag steht eine wichtige Matheprüfung an. Würden Sie das erlauben? Mit dieser Frage an das Publikum haben wir unseren Beitrag beim Bayreuther Ausbildungsforum „Generation A“ begonnen.

Der Kompromiss, der keine Entscheidung ist
Der Saal war sich einig: nicht erlauben. Also der übliche Familienkompromiss – wenn du bis dahin jeden Tag zwei Stunden lernst, darfst du. Alle sind zufrieden. Nur: Entschieden haben die Eltern. Der Jugendliche hat eine Auflage erfüllt, mehr nicht.
Es geht auch anders. Er kann selbst vorschlagen, bis Donnerstag zu lernen und sich danach abfragen zu lassen. Sitzt der Stoff, wird gezockt. Sitzt er nicht, eben nicht. Inhaltlich ist das fast dieselbe Regel – aber Ziel, Handlungsoption und Konsequenz kommen von ihm.
Und damit auch das Risiko. Das trägt ohnehin er: Es ist seine Prüfung, seine Note, sein Zeugnis. Gefühlt tragen es aber die Eltern – und solange sie es auf sich ziehen, nehmen sie ihm die Entscheidung ab. Mit ihr die Erfahrung, dass er sie tragen kann.
Entscheidungskompetenz beginnt nicht bei der Berufswahl. Sie beginnt dort, wo junge Menschen ihre Entscheidungen selbst in die Hand nehmen dürfen.
Vom Wochenende zur Lebensentscheidung
Das Muster dahinter ist das eigentliche Thema: Jemand anderes strukturiert die Entscheidung, der junge Mensch erfüllt die Bedingung. Das funktioniert jahrelang gut – bis zu dem Punkt, an dem niemand mehr da ist, der die Bedingung formuliert. Genau dann steht die Frage an, was nach dem Schulabschluss kommt.
Wer bis dahin nie entschieden hat, entscheidet auch jetzt nicht gern. Also wird aufgeschoben, bis der Druck groß genug ist, und dann irgendetwas begonnen, weil irgendetwas begonnen werden muss. Rund ein Drittel der Jugendlichen bricht Ausbildung oder Studium nach kurzer Zeit wieder ab.
Mehr Optionen sind nicht mehr Orientierung
Auf dem Bayreuther Forum ging es vor allem darum, wie digitale Angebote Jugendliche und Betriebe schneller zusammenbringen – Matching-Apps, Messeformate, Portale. Das ist sinnvoll und notwendig. Es löst aber ein anderes Problem als das hier beschriebene: Diese Angebote vergrößern die Zahl der Optionen. Bei den Studiengängen allein sind es Zehntausende.
Das Prinzip ist das eines Online-Shops: Je klarer die eigenen Kriterien, desto kleiner und passender die Auswahl. Ohne Kriterien wird aus jeder zusätzlichen Option zusätzliche Überforderung. Und genau hier hakt es – viele Jugendliche unterscheiden nicht einmal zwischen einem Ziel und einer Handlungsoption. Das betrifft keineswegs nur einzelne Teilgruppen.
Was KLUGentscheiden! dazu beiträgt
KLUGentscheiden! ist als Forschungsprojekt an der Universität Bayreuth entstanden, gefördert von der Adalbert-Raps-Stiftung, der Rainer-Markgraf-Stiftung und der Oberfrankenstiftung. Mit Methoden der Entscheidungsanalyse zerlegen wir gemeinsam mit Schülerinnen und Schülern ihre Entscheidung in bewältigbare Teilschritte: eigene Ziele klären, Handlungsoptionen entwickeln, beides systematisch gegeneinander abwägen. Unterstützt wird die Analyse durch unser digitales Entscheidungstool KLUGnavi.
● Jahrgangsstufen 8/9: „Wo absolviere ich mein Schulpraktikum?“
● Jahrgangsstufen 10/11: „Was mache ich nach meinem Schulabschluss?“
Damit treten wir nicht in Konkurrenz zu Praktika, Messen, Tests oder Matching-Apps – wir liefern die Kriterien, mit denen sie nutzbar werden. Die Evaluation zeigt, dass Jugendliche nach dem Training die Berufs- und Studienwahl als weniger schwierig wahrnehmen und sich, anders als die Kontrollgruppe, als proaktiver und selbstwirksamer einschätzen (Siebert, Becker & Oeser, 2023, Decision Sciences Journal of Innovative Education 21(1), 10–25).
Und dann dasselbe noch einmal – auf Schulebene
Damit das nicht an einzelnen engagierten Lehrkräften hängt, bilden wir Multiplikatorinnen und Multiplikatoren aus: In Bayern haben über 400 Lehrkräfte, überwiegend an Gymnasien und Realschulen, unsere eintägigen regionalen Fortbildungen durchlaufen. Alle Materialien – Präsentationen, Arbeitsblätter, Erklärvideos, Stundenverlaufspläne – stellen wir kostenlos zur Verfügung.
Der schwierigere Teil kommt danach. Deshalb entwickeln wir in Oberfranken die KLUGentscheiden!-Leuchtturmschulen, mit Auftakttraining, Hospitationen, wissenschaftlicher Begleitung und eingebundener Schulleitung – in Kulmbach entstehen gerade die nächsten beiden. Denn das Muster vom Anfang wiederholt sich hier noch einmal: Eine Schule, in die ein Programm von außen hineingetragen wird, erfüllt eine Auflage. Eine Schule, die es selbst trägt, hat entschieden. Nur das Zweite bleibt.
Sie möchten KLUGentscheiden! an Ihrer Schule oder in Ihrer Region einsetzen? Materialien, Fortbildungen und Kontakt: klugentscheiden.org
Zur Veranstaltung
Veranstaltung: „Generation A – Wegweisende Ausbildungsstrategien für die digitale Generation“
Beitrag: Mit klugen Entscheidungen zum Erfolg – Berufliche Orientierung durch Entscheidungsanalyse
Referent: Prof. PD Dr. habil. Johannes Siebert, Initiator von KLUGentscheiden!
Zeitpunkt: Juli 2024, Bayreuth
Veranstalter: Stadt und Landkreis Bayreuth gemeinsam mit IHK für Oberfranken Bayreuth, Handwerkskammer für Oberfranken, Personet e.V., Arbeitskreis SCHULEWIRTSCHAFT Bayreuth, dem Programm „Stay“, dem Unternehmen Bridge und dem Nordbayerischen Kurier



