Kluge Entscheidungen sind der Schlüssel – KLUGentscheiden! beim UVN Bildungs-Summit 2025
Rund 250 Gäste aus Wirtschaft, Schule und Politik, zwei Landesminister im Programm – und eine Frage, die in der Berufsorientierung meist übersprungen wird: Junge Menschen lernen viel darüber, welche Wege es gibt. Aber kaum etwas darüber, wie man zwischen ihnen entscheidet. Beim 2. Bildungs-Summit der Unternehmerverbände Niedersachsen haben wir KLUGentscheiden! genau an dieser Stelle vorgestellt.
Veranstaltung: 2. UVN Bildungs-Summit „Berufsorientierung als Schlüssel zum Erfolg“
Vortrag: Kluge Entscheidungen sind der Schlüssel – Berufliche Orientierung durch Entscheidungsanalyse
Referent: Prof. (FH) PD Dr. Johannes Siebert, Initiator von KLUGentscheiden!
Datum: 19. März 2025
Ort: Karriere-Campus Hannover, Swiss-Life-Platz 2
Veranstalter: Unternehmerverbände Niedersachsen e.V. (UVN)
Welches Gewicht das Thema in Niedersachsen hat, zeigte auch die politische Besetzung: Mit Kultusministerin Julia Willie Hamburg und Wirtschaftsminister Olaf Lies – inzwischen Ministerpräsident des Landes – nahmen zwei Landesminister am Summit teil.
Aufschieben ist auch eine Entscheidung
Etwa ein Drittel der Jugendlichen bricht Ausbildung oder Studium nach kurzer Zeit wieder ab. Das hat ökonomische Folgen – und es bedeutet für die Betroffenen selbst oft eine erhebliche persönliche Belastung.
Ein Grund dafür wird selten benannt: Viele junge Menschen sehen Entscheidungen als Probleme, die man lösen muss. Probleme lösen ist unangenehm – also schiebt man sie auf. Irgendwann schließt sich das Zeitfenster, Fristen verstreichen, und es bleibt nur noch das Übriggebliebene. Oder man macht „erst mal nichts“ – und auf das erste „erst mal nichts“ folgt ein zweites. Am Ende wird unter wachsendem Druck irgendetwas gewählt, weil irgendetwas begonnen werden muss. Und dann häufig wieder abgebrochen.
Wir müssen junge Menschen nicht nur für Berufe begeistern, sondern auch für ihre Berufs- und Studienwahl.
Entscheidungskompetenz ist keine Konkurrenz, sondern der fehlende Baustein
Schulpraktika, Check-U, Jobmessen, Girls’- und Boys’-Day, Tage der offenen Tür: Die bestehenden Angebote leisten viel, und sie haben eines gemeinsam – sie erweitern die Wahlmöglichkeiten. Die Wahl selbst nehmen sie niemandem ab. Dafür braucht es die Fähigkeit, eigenständig, reflektiert und fundiert zu entscheiden. Erst damit können Jugendliche die vorhandenen Angebote der Berufsorientierung wirksam nutzen. Entscheidungskompetenz tritt also nicht in Konkurrenz zur bestehenden Berufsorientierung – sie macht sie erst wirksam.
Wie KLUGentscheiden! arbeitet
KLUGentscheiden! ist als Forschungsprojekt an der Universität Bayreuth entstanden, gefördert von der Adalbert-Raps-Stiftung, der Rainer-Markgraf-Stiftung und der Oberfrankenstiftung. Mit Methoden der Entscheidungsanalyse zerlegen wir gemeinsam mit Schülerinnen und Schülern ihre Entscheidung in bewältigbare Teilschritte: Ziele klären, Handlungsalternativen entwickeln, beides systematisch zusammenbringen. Unterstützt wird die Analyse durch unser digitales Entscheidungstool KLUGnavi.
● Jahrgangsstufen 8/9: „Wo absolviere ich mein Schulpraktikum?“
● Jahrgangsstufen 10/11: „Was mache ich nach meinem Schulabschluss?“
In Hannover haben wir gezeigt, woran es in der Praxis konkret hakt: Viele Jugendliche kennen nicht einmal den Unterschied zwischen einem Ziel und einer Handlungsoption – und das gilt keineswegs nur für einzelne Teilgruppen. Genau hier setzen unsere acht Module an.
Die Evaluation zeigt, dass die Jugendlichen die Berufs- und Studienwahl nach dem Training als weniger schwierig wahrnehmen und sich – anders als die Kontrollgruppe – als proaktiver und selbstwirksamer einschätzen (Siebert, Becker & Oeser, 2023, Decision Sciences Journal of Innovative Education 21(1), 10–25).
Das Interesse ist groß – der Engpass kommt danach
Die Resonanz in Hannover war beachtlich, und sie passt zu unserer Erfahrung der letzten Jahre. An einer 90-minütigen Projektvorstellung der SIEGEL-Akademie des Netzwerks Berufswahlsiegel haben über 200 Lehrkräfte und über 250 Berufsberaterinnen und Berufsberater teilgenommen. Allein in Bayern haben wir über 400 Lehrkräfte – überwiegend an Gymnasien und Realschulen – in eintägigen Fortbildungen als Multiplikatorinnen und Multiplikatoren ausgebildet. Die „ready to teach“-Materialien stehen kostenlos zur Verfügung.
Das heißt aber nicht, dass KLUGentscheiden! deshalb an ebenso vielen Schulen etabliert wäre. Die eigentliche Hürde kommt danach: Gerade die engagiertesten Lehrkräfte stoßen bei der dauerhaften Verankerung an ihrer Schule auf Widerstände. Sie brauchen Unterstützung – und genau dafür erreichen uns die meisten Anfragen.
Das Saarland zeigt, wie Verankerung gelingen kann
Mit „KLUGentscheiden! goes Saar“ läuft seit September 2024 ein Projekt, das an genau diesem Punkt ansetzt. Träger ist die htw saar unter Leitung von Prof. Dr. Susan Pulham, gefördert mit Mitteln der gesetzlichen Krankenkassen über das GKV-Bündnis für Gesundheit, in Kooperation mit dem Landesamt für Pädagogik und Medien und dem Ministerium für Bildung und Kultur. Bis 2027 werden die Materialien an unterschiedliche Zeitmodelle angepasst, Lehrkräfte über Train-the-Trainer befähigt und die Durchführung in die Hände der Schulen gelegt. Im Schuljahr 2024/25 haben wir so mit vier saarländischen Schulen über 300 Schülerinnen und Schüler der Jahrgangsstufen 8 bis 11 erreicht.
Diese Form der strukturellen Verankerung ist der entscheidende Schritt – von der einzelnen begeisterten Lehrkraft zum festen Bestandteil der schulischen Berufsorientierung. Darüber haben wir in Hannover gesprochen, und dafür suchen wir weitere Regionen, Schulträger und Partner.



